Nachgefragt

Dr. Michael Stemmer

Cloud Computing in der Verwaltung?


Interview mit Dr. Michael Stemmer

Gibt man bei google.de den Suchbegriff „E-Government“ ein, erhält man über 80 Millionen Einträge. Fügt man den Begriff „Cloud Computing“ hinzu, bleibt nur noch rund ein Sechzehntel an Einträgen übrig. Welche Rolle spielt das Cloud Computing im E-Government tatsächlich?

Cloud Computing bietet ein großes Potenzial, typische Verwaltungsprozesse zwischen verschiedenen Einrichtungen und Nutzern zu erschließen und integriert zugänglich zu machen. Ausgangspunkt hierfür könnten zum Beispiel Cloud-orientierte Service-Marktplätze sein, wie wir sie für den Logistik-Bereich bereits umsetzen. Über eine zentrale Plattform – dem Marktplatz – werden verteilt erzeugte Dienstleistungen bzw. Verwaltungsservices angeboten, gehandelt, abgewickelt und genutzt.

Wie könnte das konkret aussehen?

Wir denken uns das als eine Art »Bürger-Mall«: Sie bündelt Angebote der Verwaltung und der Wirtschaft, um die Bürger in verschiedenen Lebenslagen mit Dienstleistungen zu unterstützen. Zum Beispiel bei einem Wohnungswechsel: Ich suche in der Mall nach Wohnungsangeboten von Maklern oder als Nachmieter, melde mich über die Bürger-Mall beim Amt mit dem neuen Personalausweis um, beauftrage in der Mall eine Handwerksfirma für die Renovierung und ein Umzugsunternehmen für den Möbeltransport. Übrigens im Großprojekt »goBerlin« werden wir ab Herbst gemeinsam mit Partnern eine solche Bürger-Mall aufbauen.

Was unterscheidet eine Bürger-Mall von bereits vorhandenen Angeboten im Internet?

Die Bürger haben einen zentralen Anlaufpunkt und finden dort neben Dienstleistungen von Wirtschaftsunternehmen auch die Services der Behörden. Gleichzeitig profitieren Wirtschaft und Verwaltung davon, dass sie ihre Angebote über einen Service-Marktplatz einheitlich zur Verfügung stellen können.

Was müssen diese Service-Marktplätze technisch können?

Diese Cloud-orientierten Service-Marktplätze nehmen sowohl geschäftliche Funktionen war, wie beispielsweise die Abrechnung von Leistungen, als auch technische Funktionen, wie die Ausführung von Diensten. Durch solche integrierten Plattformen werden hybride Service-Formen möglich, also die Kombination von Informations- und Kommunikationsdiensten mit Verwaltungs-, Finanz-, Logistik- und anderen klassischen Dienstleistungen. Hierdurch ändern sich grundsätzlich Wertschöpfungsketten für Dienstleistungen und damit ganze Geschäftsmodelle.

Wie ist der derzeitige Stand der Umsetzung?

Neben bislang ungeklärten rechtlichen, datenschutzbezogenen und sicherheitstechnischen Fragen müssen wir vor allem mangelnde Methoden, Standards und die unzureichende Interoperabilität der unterschiedlichen Cloud-Angebote in den Griff bekommen. Eine große technologische und wirtschaftliche Herausforderung besteht in der Komplexität der Service-Marktplätze und dem Aufwand, bisherige Systeme in Dienste und Geschäftsobjekte aufzubrechen.

Was leistet hier das Fraunhofer ISST?

Wir bieten systematisches »Cloud Engineering«: Wir arbeiten an Cloud-Szenarien, der Entwicklung einer Service-Design-Methodik und eines Service-Design-Studios, der Definition von Cloud-Architekturen und der Durchführung eines Cloud Service Engineerings. In unserem »Competence Center for Processes and Architectures«, kurz: COMPARC, bündeln wir zudem Technologien und Methoden für Prozesse und Architekturen insbesondere auch fürs Cloud-Computing und bieten interessierten Unternehmen die Möglichkeit, sich herstellerunabhängig zu informieren.

Vielen Dank für das Gespräch.